Interview mit Nicole Steyer = Linda Winterberg

 

 

 Nicole Steyer beschäftigte sich mit der Idsteiner Stadtgeschichte und begann zu recherchieren. Das Ergebnis dieser Recherchen war ihr erster historischer Roman, DIE HEXE VON NASSAU, der sich mit den Hexenverfolgungen in Idstein und Umgebung befasst und ein großer Erfolg wurde. Auch ihre folgenden historischen Romane haben ein großes Publikum begeistert.

Lea Korte: Inzwischen schreibst du nicht nur unter dem Autorennamen Nicole Steyer, sondern auch als Linda Winterberg wundervolle Romane. Was hat dich dazu bewogen, einen zweiten Namen anzunehmen.

Nicole Steyer: Ich wollte andere Themen aufgreifen. Der Name Nicole Steyer steht ja eher für den klassischen historischen Roman. Linda Winterberg schreibt Schicksalsromane, die in der Zeit des Zweiten Weltkrieges, aber auch in der Gegenwart spielen. Dazu kam auch noch der andere Verlag. So hat es sich ergeben, einen weiteren Namen anzunehmen.

 

Lea Korte: Früher haben sich alle deine Roman durch einen lokalen Bezug ausgezeichnet. Ist das immer noch so?

Nicole Steyer:  Teilweise ist das noch so. Gerne bleibe ich in der Region. Aber als Linda Winterberg habe ich meine Kreise doch sehr erweitert. Für das Buch „Das Haus der verlorenen Kinder“ bin ich bis nach Norwegen gereist. Für den Roman „Solange die Hoffnung uns gehört“, nach England gefahren. In beiden Ländern habe ich Originalschauplätze besichtigt. Das Haus der verlorenen Kinder spielt aber auch in Wiesbaden. Und Solange die Hoffnung uns gehört in Frankfurt. So ist auch hier der regionale Bezug wieder vorhanden. Ich mag das Regionale, aber es ist auch spannend, neue Regionen kennenzulernen und als Autorin in dieser Hinsicht neue Wege zu gehen.

 

 

Lea Korte: Ein historischer Roman geht stets einher mit umfangreichen Recherchen. Wie gehst du dabei vor? Und wie ordnest du diese Informationen, um dich am Ende nicht in einem „wilden Wust“ zu verlieren?

Nicole Steyer: Ich recherchiere ganz unterschiedlich. Oft im Internet, obwohl man den Informationen dort nicht immer trauen kann. Bücher aus Antiquariaten sind da schon hilfreicher. Ich gehe in Stadtarchive, in Museen, bin immer auch vor Ort, schaue mir die Umgebung an, mache Fotos, laufe manchmal auch Wege ab, um Entfernungen abschätzen zu können. Auch spreche ich mit Historikern, wenn ich nicht mehr weiterkomme. Wenn ich zu Schreiben beginne, ist immer eine Art recherchiertes Grundgerüst vorhanden, das ich während dem Schreiben erweitere, denn oftmals falle ich während dem Umsetzen den Textes über irgendetwas drüber, was genauer ausgearbeitet werden muss. Dann konzentriere ich mich nur auf den nächsten Schritt, der umgesetzt werden muss. So komme ich nur selten durcheinander.

 

Lea Korte: Kannst du noch mehr zum Entstehungsprozess dieser Romane erzählen? Wie gehst du vor? Plottest du oder schreibst du „einfach drauflos“?

Nicole Steyer: Wenn die Grundidee für eine Geschichte gefunden ist, dann schreibe ich ein erstes Exposé, das mein roter Faden ist. Ab dann habe ich die Geschichte im Kopf. Ich weiß genau, wann was passieren muss. Allerdings machen meine Protagonisten gerne was sie wollen oder es tauchen ungeplante Figuren auf. Bei dem Titel „Solange die Hoffnung uns gehört“, stand plötzlich Georgina (ein Transvestit) vor mir und er wurde zu einer tragenden Figur im Roman. Ich mag es gerne, mich beim Schreiben auch ein wenig treiben und die Figuren machen zu lassen. Es ist ja ihre Geschichte, die ich erzähle. Da dürfen sie auch gerne mal ein bisschen eigenwillig sein.


Lea Korte: Wie weit bist du mit dem Roman? Wie schaffst du es, dass der Roman auch pünktlich zur Abgabe fertig wird – denn nach dem Schreiben kommt ja noch das Lektorat. Vielleicht willst du auch hierzu etwas erzählen. Viele Autoren, die noch nichts in einem Publikumsverlag veröffentlicht haben, machen sich recht falsche Vorstellungen davon, was ein Lektorat beinhaltet – und was nicht.

Nicole Steyer: Ja, der Abgabegermin. Der hängt über uns Autoren wie ein Damoklesschwert. Ich habe die Angewohnheit, mir selbst Termine zu setzen, die ich einzuhalten versuche. Sie liegen meist einige Wochen oder Monate vor dem Abgabetermin des Verlags. Inzwischen schreibe ich zwei bis drei Titel im Jahr, da muss alles gut getaktet werden, sonst verzettelt man sich. Bisher hat es immer geklappt und ich hoffe, das bleibt auch so.

Der Begriff Lektorat wird oft falsch verstanden. Ich bin sehr dankbar dafür, dass es meine Lektorin gibt, die alles hinterfragt, alles abklopft, mir viele tolle Tipps gibt, den Finger aber auch gerne in die Wunde legt. Ein Autor kann allein nicht alles sehen. Manchmal hat man irgendwo einen Denkfehler, eine Lieblingsformulierung, Längen, die einem selbst nicht auffallen. Der Lektor kürzt, fragt nach, eliminiert die Lieblingsformulierung, verfeinert den Text. Manchmal hänge ich stundenlang an einer Formulierung und sie ändert es mit einer Leichtigkeit so, wie ich es gerne gehabt hätte. Und ich denke dann immer: Warum bist du da nicht selbst drauf gekommen. Ich lerne sehr viel dazu. Am besten sollte man länger mit demselben Lektor zusammenarbeiten, denn dann kennt dieser die Eigenheiten des Autors. Meine weiß ganz genau, worauf sie achten muss. Und wir lachen auch sehr viel miteinander, was ich sehr wichtig finde.

 

Lea Korte: Nun muss natürlich auch die Frage kommen, die ich allen Autoren stelle – und die für Anfänger auf dem Buchmarkt eine der wichtigsten ist: Wie schnell ist es dir gelungen, deinen ersten Roman bei einem Verlag unterzubringen? Hast du von Anfang an gewusst, dass du es „schaffen“ wirst, oder gab es auch Momente, in denen du an dir gezweifelt hast?

Nicole Steyer: Ich habe die ersten Schritte in den Buchmarkt mit Kinderbüchern gewagt, die aber nicht sehr gut gelaufen sind, wenn ich es genau nehme, eigentlich gar nicht. Der Verlag war sehr klein und unbekannt. Es war schwierig, gesehen zu werden. Ich stand bei Hugendubel oder Thalia mit meinem Buch in der Hand und niemand wollte es haben. Dann ist mir zum ersten Mal bewusstgeworden, was ich doch für ein naiver Anfänger bin. Ich stand dort, zwischen all den vielen Büchern, die soviel besser waren als meines, die in den Regalen stehen durften, während mir meines mit einem Kopfschütteln zurückgegeben wurde. Das war eine schlimme Erfahrung, die aber viele Anfänger machen.

 

Als ich mit der Hexe 2008 zu schreiben begann, war ich ein schrecklich naiver Anfänger mit einem grauenvollen Stil. Ich hatte keine Ahnung von Normseiten, Agenturen, Lektoren und solchen Dingen. Ich hatte nur die Vorstellung, ich könnte es schaffen. Diese Vorstellung hat mich fünf Fassungen des Romans gekostet und unendlich viele Nerven. In dieser Zeit bin ich auch sehr krank geworden. Ich musste zweimal am Sprunggelenk operiert werden, hatte monatelang Schmerzen, konnte mich kaum bewegen. Das Schreiben war alles, was ich tun konnte, also habe ich geschrieben. Katharina wurde für mich zu einer Seelenverwandten. Sie war für mich real. Ich konnte mit ihr reden, leiden, lieben und lachen. Sie ist meine erste Hauptdarstellerin und wird immer etwas ganz Besonderes bleiben. In dieser Zeit habe ich Tagebuch geführt. Manchmal blätterte ich es heute durch und lese, was damals passiert ist, wie oft ich aufgeben wollte, wie oft mir die Kraft fehlte, wie sehr ich auch wütend gewesen bin, auf mich selbst, auf die Welt dort draußen. Es hat viele Tage gegeben, an denen ich alles hinwerfen wollte. Aber ich konnte es nicht.

 

Durch viel Recherche im Internet habe ich dann meine erste Agentur gefunden. Als mein damaliger Agent angerufen hat, um mir zu sagen, dass die Geschichte gut ist, konnte ich das kaum glauben. Als ich aufgelegt habe, fing ich zu weinen an.

 

 

Lea Korte: Du bist bei Facebook und auch sonst im Internet als Autorin sehr präsent. Außerdem machst du viele Lesungen. Wie läuft eine Lesung bei dir ab? Wie bereitest du dich darauf vor?

Nicole Steyer: Das mit den Lesungen hat sich so ergeben, und es macht mir sehr viel Spaß. Ich bereite mich für jede Lesung sehr gut vor. Die Lesung selbst ist genau eingeübt. Die Passagen, die ich vortrage, habe ich vorher ausgewählt, sie laut mehrmals mir vorgelesen und die Zeit gestoppt. Zwischen den Textabschnitten erzähle ich immer historische Details, die nicht im Buch stehen. Gerade bei Themen wie dem Lebensborn gibt es da einiges zu erzählen. Oder wie es so ist, wenn man eine Recherchereise nach Norwegen macht.

 

Lea Korte: Auch das Thema Agentur ist ein wichtiges Thema, weswegen ich auch diese Frage allen Autoren stelle: Was würdest du „Anfängern“ raten? Den direkten Weg zum Verlag – oder doch lieber „erst“ zur Agentur? Oder einfach mal „selber machen“? Gibt es auch etwas, das man „falsch“ machen kann?

 

Nicole Steyer: Immer den direkten Weg zur Agentur. Mir hat das sehr geholfen. Ein Agent weiß, wo er ein Manuskript anbieten kann und wo nicht. Er hat gute Kontakte und kümmert sich um die vertragsrechtlichen Dinge. Nicht jeder Autor ist gleichzeitig ein guter Geschäftsmann. Natürlich kann man eine Menge falsch machen. Was man als "Anfänger" auf keinen Fall tun sollte, ist Geld an einen Verlag bezahlen. Auch wenn diese Art von Verlagen es gerne hinter anderen Begriffen verstecken. Dieses Geld ist in der Regel ein Druckkostenzuschuss. Bücher aus solchen Verlagen verkaufen sich nicht, werden nicht gesehen. Also Finger weg! Sollte es mit der Agentur oder dem großen Publikumsverlag nicht klappen, dann gibt es immer noch den Weg über Self Publishing. Der immer weiter wachsende E-Book Markt eröffnet uns allen viele neue Möglichkeiten. Aber auch hier genau prüfen, bei welchem Anbieter man anbietet. Und natürlich zählt auch hier: Qualität ist wichtig. Ein Buch voller Fehler kommt auch als E-Book nicht gut an.

 

Lea Korte: Hast du noch einen besonderen Tipp, den du „Jungautoren“ mit auf den Weg geben kannst?

 

Nicole Steyer: Nie den Mut verlieren, und nicht aufgeben. Schließt sich eine Tür, öffnet sich meist eine andere.

 

Ich danke dir für dieses Interview!