ZEIG, was in deiner Figur vorgeht!

Hallo Ihr Lieben,

 

wenn ich Texte kommentiere, bleibe ich immer vor allem an einem hängen: an „Erklärungen“. Statt dass der Autor dem Leser zeigt, was passiert, schwingt er sich zu weitschweifenden Erklärungen auf.

Meinen heutigen Schreibtipp widme ich aber nicht generell dem Prinzip „show, don't tell“, zu dem ich schon in anderen Newslettern Tipps geschrieben habe, sondern nur einem kleinen, aber sehr wichtigen Teilaspekt davon: den Reaktionen. Mit ihnen kann man nämlich ganz wunderbar zeigen, was gerade in unserer Figur vorgeht – und das eben ganz OHNE Infodump, ohne „Erklärungen“, einfach indem man zeigt, wie es der Figur gerade geht – indem man sie HANDELN lässt.

 

 

Nehmen wir die folgende Ausgangssituation:

 

Dauergeliebte Marie erfährt von ihrem Freund Lars, dass er seine Ehefrau nun doch nicht verlassen wird und seine Frau überdies auch noch schwanger von ihm ist. Wie geht es ihr, als Lars weg ist?

 

 

Ein bewusst unschönes Satz-Beispiel:

 

Verzweifelt sank Marie auf einen Stuhl und weinte bittere Tränen. Heiße Schluchzer entrangen sich ihrer gequälten Brust.

 

Ich hoffe, hier stellen sich allen die Haare zu Berge. 😉

 

Nehmen wir diese Fotos – zur Inspiration:

Es zeigt Menschen, die verzweifelt sind. Und was beobachten wir? Richtig: die Körperhaltung, ihre Mimik, ihre Gesten …

 

MEIN TIPP:

 Nehmt die Körperhaltung ein, die euer – z. B. verzweifelter – Protagonist gerade hat. Stellt euch vor, ihr seid er und fühlt, was er fühlt. Und dann beobachtet, welche Gesten, welche Mimik, welche Körperhaltung ihr dabei eingenommen habt.

Wenn ihr richtig in der Figur „drin“ seid, fällt euch dazu vielleicht so etwas ein:

 

Marie starrte aus dem Fenster, versuchte zu atmen, den Schmerz wegzuatmen, doch es war kaum mehr als ein Keuchen, was sie da zustande brachte.

„Anne bekommt ein Kind, Marie, ein Kind von mir!“ – Immer wieder poppte dieser Satz von ihm in ihr auf, und er machte sie wahnsinnig, er zerriss sie. Plötzlich überkam sie der unwiderstehliche Drang, einfach mit dem Kopf gegen die Scheibe zu donnern, wieder und wieder und wieder, bis sie krachte, in tausend Scherben zersprang – genau wie auch in ihr alles zersprungen war. Mein Gott, es sollte aufhören, so verdammt weh zu tun!

 

Was auch helfen kann, ist, sich zu überlegen, welche Gesten zu so einer Situation „passen“. Auch hier ein paar Inspirationen, die über das allzu verbreitete „zitterte“ hinausgehen. Ohne Witz: in 75% der Szenen, die ich zu lesen bekomme, kommt ein Prota vor, der zittert, weil der Autor zeigen will, wie sehr sein Prota unter Stress steht. Aber da gibt es doch noch so viel mehr Möglichkeiten! 😉

 

Stressanzeichen:

 

  • Jemand beginnt, stark zu schwitzen.
  • Man wird blass oder rot oder bekommt Hautflecken.
  • Man spielt mit etwas, knetet etwas.
  • Ticks jeder Art (Auge zuckt, man blinzelt …).
  • Die berühmte Ader, die an der Schläfe pocht (allerdings auch schon ziemlich abgenutzt. 😉)
  • Man beißt sich von innen auf die Wangen.
  • Die Atmung wird stoßweise, kürzer, oberflächiger.
  • Man kann kaum noch durchatmen.
  • Die Kiefermuskeln treten hervor, weil man die Zähne zusammenbeißt.
  • Der Fuß wippt.
  • Fingernägel kauen.
  • Man wickelt sein Bein um ein Stuhlbein.

 

Beruhigungsgesten:

 

  • Sich am Ohrläppchen zupfen.
  • Sich Luft zufächeln.
  • Sich über den Nacken oder die Arme streichen.
  • Mit den Haaren spielen.
  • Die Nasenspitze berühren oder darüber streichen.
  • Sich über die Lippen lecken.
  • Sich an der Wange oder der Stirn kratzen.
  • Gähnen.
  • Die Hände kneten.

 

 Versucht euch eine Romanfigur oder eine Figur, die ihr gerade jetzt erfindet, in einer emotional schwierigen Situation vorzustellen – und schreibt dazu ein paar Eindrücke, eine kleine Szene, einfach nur, um das von oben einmal zu üben. Natürlich könnt ihr euch auch von Fotos, wie denen von oben, inspirieren lassen!

 

Viel Spaß beim Schreiben – und wenn ihr noch mehr Hilfe und Unterstützung sucht:  Schon am 22. März beginnt der nächsten Autorenkurs, bereits im Februar geht es mit den Vorarbeiten los – und es gibt nur noch wenige Plätze.

 

Herzliche Grüße

 

Lea